Offener Brief des Bürgermeisters der Stadt Wilsdruff

 

Sehr geehrte Einwohnerinnen und Einwohner und Verfasser des offenen Briefes,

seit einigen Wochen treffen sich Menschen aus vielen Bereichen unserer Gesellschaft, so auch in Wilsdruff. Kerzen werden vor der Stadtverwaltung abgestellt und Transparente angebracht. Die Corona-Maßnahmen sind das beherrschende Thema.

Sich auf friedlichem Wege zu treffen und Meinungen kundzutun, ist ein gutes demokratisches Recht. Die Meinungen können dabei sehr unterschiedlich sein. Auch das ist gut so. Wenn alle Blickwinkel betrachtet werden, ist dies eine Grundlage für richtige Entscheidungen.

Viele Wilsdruffer haben sich mit unterschiedlichsten Anliegen an mich gewandt, teils schriftlich, oft über die sozialen Netzwerke oder in persönlichen Beratungen in der Stadtverwaltung. Manches konnten wir direkt klären, vieles an Entscheidungsträger weiterleiten.

In einem offenen Brief vom 24. Januar 2022 an mich, werde ich aufgefordert, zu einzelnen Themen Stellung zu nehmen. Bereits im Interview mit der Sächsischen Zeitung zum Jahreswechsel hatte ich die Gelegenheit mich zu äußern:

 

Wie ist Wilsdruff bisher durch die Corona-Pandemie gekommen?

Mit den Einschränkungen nicht besser und nicht schlechter als andere auch. Ich sehe die größte Betroffenheit in den Vereinen, im Handel, der Gastronomie und bei der Bildung unserer Kinder.

 

Stellen Sie eine Spaltung der Stadtgesellschaft fest?

Ich finde, die Spaltung wird oft herbeigeredet. Es gibt mit Bezug auf die Maßnahmen unterschiedliche Auffassungen. Das ist aber normal. Denn in der Diskussion entstehen andere Blickwinkel, findet Austausch und Zuhören statt. Was ich allerdings bei Einzelnen beobachte, ist ein Beharren auf der eigenen Wahrheit. Das bringt uns keinen Schritt weiter.

 

Was können die Verwaltung und Sie als Bürgermeister dafür tun, um das Klima zu verbessern?

Wir brauchen immer wieder Möglichkeiten der Kommunikation. Bürgermeister und Verwaltung müssen erreichbar und ansprechbar sein für alle Sorgen und Nöte. Vieles lässt sich im Gespräch aufklären und erläutern. Anderes können wir an Entscheidungsträger weiterleiten. Dann gibt es einen demokratischen Prozess und eine Entscheidung. Es wird Dinge geben, die werden berücksichtigt, bei anderen ist das nicht so.

 

Was sollte in Bezug auf die Corona-Pandemie anders laufen?

Die Verhältnismäßigkeit und die Logik der Maßnahmen muss im Vordergrund stehen. Nur ein Beispiel: Ich kann mich jeden Tag mit unzähligen Menschen im Discounter treffen, aber im lokalen Einzelhandel mit wenigen Kunden oder in der Gaststätte ab 20 Uhr an separaten Tischen und guten Hygienekonzepten ist die Ansteckungsgefahr zu groß. Das passt nicht.

 

Die Fragen aus dem offenen Brief vom 24.01.2022:

 

Wie stehen Sie zur Maskenpflicht an Wilsdruffer Schulen?

Die Maske im Unterricht ist eine Belastung für Schüler und Lehrer. Wir haben alle Schulen mit Raumluftmessgeräten ausgestattet. Wenn entsprechend der Anzeigen dieser Geräte gelüftet wird, ist m.E. (allerdings bin ich kein Experte) ein viel höherer Effekt erzielt und zudem für ausreichend Sauerstoffzufuhr gesorgt.

 

Wie lange soll die 2G-Regelungen in allen öffentlichen Einrichtungen der Stadt anhalten?

Aktuell gilt entsprechend der Sächsischen Corona-Notfall-Verordnung für öffentliche Einrichtungen die 3G-Regel bzw. 2G-Plus-Regel. Die aktuelle Verordnung gilt bis zum 6. Februar 2022.

 

Wo ist Ihr Verständnis für die zahlreichen Mitarbeiter des Gesundheits- und Pflegebereiches, die sich aus verschiedenen Gründen gegen eine Impfung entschieden haben und nun ihren Arbeitsplatz verlieren werden?

Dafür habe ich großes Verständnis und hatte hierzu kürzlich ein Gespräch mit einem leitenden Rettungsdienstmitarbeiter, der sich mit der Bitte um Unterstützung an mich gewandt hat. Ich denke, eine Impfpflicht ist zum Ende einer Pandemie nicht sinnvoll. Das sage ich als jährlich freiwillig Grippegeimpfter und Impfbefürworter. Gerade im Gesundheits- und Pflegebereich, aber auch in vielen anderen Berufsgruppen, ist jeder Mitarbeiter von großer Bedeutung und nicht zu ersetzen. Ich sehe nicht, dass auch nur auf einen einzelnen Arbeitsplatz verzichtet werden kann.

 

Sehr geehrte Einwohnerinnen und Einwohner und Verfasser des offenen Briefes,

ich halte einen Austausch zu allen Themen schon immer für sehr wichtig, sehe dies als eine meiner Aufgaben und stehe deshalb, wie bisher zu Gesprächen zur Verfügung. Dazu findet sich in meinem Kalender immer ein Platz. Mit Interesse beobachte ich, dass sich in umliegenden Gemeinden gerade zusätzliche Formate der Diskussion entwickeln. Vielleicht lässt sich daraus auch etwas Passendes für Wilsdruff ableiten. Videoformate halte ich dafür allerdings nicht geeignet.

Ich kann jeden verstehen, der nach über 2 Jahren Pandemie manche Einschränkung einfach satthat. Das geht mir an vielen Stellen genauso. Dies im friedlichen Protest auch zum Ausdruck zu bringen, ist ein legitimes demokratisches Mittel der Meinungsäußerung. Hass und Hetze haben dabei keinen Platz. Dafür müssen wir gemeinsam einstehen.

Ihre Sorgen und Nöte aufzunehmen und diese, wenn nötig weiterzutragen, war und ist mir immer wichtig. Publikumswirksame Auftritte und kurzfristiger Beifall ist mir dabei nicht wichtig. Davon ändert sich nichts. Veränderungen sind harte Arbeit in der Diskussion, auch mit unseren Volksvertretern in Bund und Land. Dafür stehe ich.

 

Mit freundlichen Grüßen

 

Ralf Rother

Bürgermeister